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Juan Atkins: Der Vater des Techno ist mit 64 Jahren gestorben

Juan Atkins an den Plattentellern im Januar 2010
Juan Atkins an den Plattentellern, Januar 2010. Foto: Angie Linder, CC BY-SA 2.0, bearbeitet.
Das Wichtigste in Kürze
  • Juan Atkins, der als Vater des Techno gilt, ist am 1. November 2026 in Mexiko-Stadt im Alter von 64 Jahren gestorben. Er sollte dort im YuYu Cine Club auflegen. Eine offizielle Todesursache wurde nicht bekannt gegeben.
  • Mit Derrick May und Kevin Saunderson bildete er die Belleville Three, drei Schulfreunde aus dem Umland von Detroit, die das Genre begründet haben.
  • „Clear“ (Cybotron, 1983) und „No UFO’s“ (Model 500, 1985) legten die Grundsteine des Techno. Sein Track „Techno Music“ (1988) gab dem Genre seinen Namen.
  • Als Gründer des Labels Metroplex half er auch, die Brücke zwischen Detroit und Berlin zu bauen, mit dem Duo Borderland und dem Label Tresor.

Wenn du 2005 zu „Lose Control“ von Missy Elliott getanzt hast, hast du Juan Atkins schon gehört. Missy sampelt darin „Clear“, einen Track, den er 1983 mit Cybotron aufgenommen hatte. So war Juan: ein Sound, den alle im Ohr haben, ein Name, den nur echte Fans wirklich kannten.

Bei Woodbrass verbringen wir unsere Tage zwischen Synthesizern, Drumcomputern und Plattenspielern. Vieles von dem, was wir lieben, geht auf die eine oder andere Weise auf einen Teenager aus dem Umland von Detroit zurück, der über einem kleinen Korg saß. Als die Nachricht an diesem Sonntag, dem 1. November, kam, fühlte sich das an wie eine Kickdrum, die mitten im Track einfach abbricht.

Belleville, eine Großmutter und ein Korg MS-10

Juan Atkins wird 1962 in Detroit geboren. Nach der Trennung seiner Eltern zieht er zu seinen Großeltern nach Belleville, einer kleinen Stadt rund fünfzig Kilometer westlich des Stadtzentrums. Als Kind spielt er Gitarre und Bass in Funkbands.

Und dann ist da seine Großmutter Lily. Sie spielt Hammond-B3-Orgel, und als er 15 ist, hilft sie ihm, sich seinen ersten Synthesizer zu kaufen: einen Korg MS-10. Einen kleinen monophonen Synth, aus dem er auf seinen Demokassetten wirklich alles herausholt: Bässe, Melodien und sogar die Percussion. „Das Besondere am Synthesizer war, dass er alle möglichen Klänge erzeugen konnte, die noch nie jemand gehört hatte“, erzählte er.

In Belleville freundet er sich mit zwei etwas jüngeren Jungs an, Derrick May und Kevin Saunderson. Abends hängen die drei mit dem Ohr am Radio. Im Detroiter Radio spielt Moderator The Electrifying Mojo Kraftwerk genauso wie Parliament-Funkadelic. „Wir haben ihn mit religiöser Hingabe gehört. Jeden Abend“, erinnerte sich Juan.

Gut zu wissen

Das Wort „Techno“ hat Juan Atkins zum Teil in einem Buch gefunden. In Die dritte Welle (1980) schreibt der Zukunftsforscher Alvin Toffler von „Techno-Rebellen“. Der Ausdruck bleibt bei ihm hängen. Er taucht schon 1984 in „Techno City“ von Cybotron auf, dann 1988 in „Techno Music“.

Cybotron, Techno vor dem Techno

Am Community College lernt Juan den zehn Jahre älteren Richard Davis kennen, der schon mit einem ARP Axxe an Sounds herumbastelt. Ganz Anfang der 80er gründen sie zusammen Cybotron. Die erste Single, „Alleys of Your Mind“, erscheint 1981 auf Deep Space, Juans kleinem Label. Es folgen 1982 „Cosmic Cars“ und 1983 „Clear“, vom Album Enter.

„Clear“ verkauft sich rund 50.000 Mal, ein echter Erfolg für eine Platte, die zwei Leute mit Maschinen gemacht haben. Mehr als vierzig Jahre später schreibt Carl Cox, dass dieser Track „nie seine Seele verlassen“ hat.

1985 gehen die beiden Partner getrennte Wege. Damit ist Cybotron vorbei, zumindest für eine Weile.

Model 500 und Metroplex: Detroit findet seine Stimme

Juan verliert keine Zeit. Im selben Jahr gründet er sein Label Metroplex und veröffentlicht „No UFO’s“ unter dem Namen Model 500. Es ist diese Platte, die den Detroit-Techno über den Atlantik bringt.

Juan ist auch der Älteste der Clique, derjenige, der den Weg weist. Kevin Saunderson hat an diesem Wochenende daran erinnert: Juan hat ihm geholfen, seine allererste Platte fertigzustellen, „Triangle of Love“. „Das hat mir damals viel bedeutet, und das tut es heute noch“, schrieb er.

1988 will eine britische Compilation diese neue Musik dem englischen Publikum vorstellen: Techno! The New Dance Sound of Detroit. Juan steuert „Techno Music“ bei. Der Name bleibt hängen, und das Genre lässt ihn nicht mehr los. Es ist ein Engländer, Neil Rushton, der dem Trio seinen Spitznamen gibt: die Belleville Three.

Die Belleville Three 2017 auf der Bühne des Masonic Temple in Detroit
Die Belleville Three, Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson, auf der Bühne des Masonic Temple in Detroit, 27. Mai 2017. Foto: PeRshGo, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten, in Schwarzweiß umgewandelt und aufgehellt.
Der Woodbrass-Tipp

Du brauchst kein Studio voller Maschinen, um anzufangen. Juan Atkins hat mit einem einzigen monophonen Synthesizer begonnen, aus dem er Bässe, Melodien und Percussion holte. Ein gut gewählter kleiner Analogsynthesizer reicht, um zu verstehen, wie ein Sound entsteht, vom Oszillator bis zum Filter. Wenn du unsicher bist: In unserem Ratgeber haben wir die besten Modelle verglichen, damit du deinen ersten Analogsynthesizer wählen kannst.

Von Detroit nach Berlin, vierzig Jahre unterwegs

Als Model 500 veröffentlicht Juan 1995 das Album Deep Space und legt sich ein Alias nach dem anderen zu, von Infiniti bis Audiotech. Außerdem wendet er sich Berlin zu, wo der Detroit-Techno ein zweites Zuhause gefunden hat. Mit Moritz von Oswald gründet er das Duo Borderland, das seine Platten bei Tresor veröffentlicht.

Sven Väth bringt auf den Punkt, was er aufgebaut hat: Seine Vision habe „Generationen inspiriert und geholfen, eine musikalische Brücke zwischen Detroit und Berlin zu bauen“.

Aufgehört hat er nie wirklich. 2023 lässt er Cybotron mit dem Berliner Produzenten Laurens von Oswald wieder aufleben, erneut bei Tresor. In den letzten zwei Jahren konnte man ihn noch in Clubs von New York bis Berlin erleben und auf Festivals wie Movement in Detroit, Dekmantel in Amsterdam oder Houghton in England.

Mexiko-Stadt, das Set, das nicht mehr stattfand

Am Samstag, dem 31. Oktober, sollte Juan Atkins im YuYu Cine Club in Mexiko-Stadt spielen. Der Club gab zuerst die Absage auf Instagram bekannt, bevor die Nachricht die Runde machte. Juan war vor seinem Set bewusstlos in seinem Hotelzimmer gefunden und ins Krankenhaus gebracht worden, wo er für tot erklärt wurde. Seine Agentur Greensmith Artists gab seinen Tod am Sonntag, dem 1. November, bekannt. Eine offizielle Todesursache wurde nicht genannt.

Derrick May schrieb den Satz, der am meisten wehtut: „Er hat sich nie beklagt. Er hat nie erwähnt, wie krank er war, über Jahre.“ Kevin Saunderson sprach von seinem „Bruder“, vom „Erfinder des Techno, einem echten Visionär, der so vielen von uns die Tür geöffnet hat, mir eingeschlossen“.

Auch die französische Szene hat reagiert. „Heute haben wir einen der Gründerväter unserer Musik verloren“, schrieb Laurent Garnier. Agoria wandte sich direkt an Juan: „Du hast das Fundament unserer ganzen Szene gelegt.“

Raumschiffe auf Schallplatten

Juan Atkins hatte eine schöne Art, zusammenzufassen, wonach er suchte: „Ich wollte Raumschiffe auf meinen Platten landen lassen.“ Auf die Frage, ob ihm das gelungen sei, antwortete er einfach: „Absolut.“

Schwer, ihm zu widersprechen. Vierzig Jahre später landen seine Raumschiffe immer noch in Clubs, in Homestudios und in den Kopfhörern von Leuten, die noch nie von Belleville gehört haben. Heute Abend legen wir „No UFO’s“ wieder auf, ein bisschen lauter als sonst. Ruhe in Frieden, Juan.

Quellen