
- Keith Richards hat seinen Stil rund um das Open G mit 5 Saiten aufgebaut, eine einzigartige Signatur im Rock.
- Seine Telecaster mit dem Spitznamen Micawber ist seit 1971 die Verkörperung seines Sounds.
- Seine Riffs basieren mehr auf Groove, Raum und Atmung als auf reiner Technik.
- Sein rhythmisches Spiel verbindet Blues, Country und R&B in einem zutiefst organischen Ansatz.
Den Riff von Satisfaction habe ich stundenlang geübt, um zu verstehen, warum meiner flach klang, während der von Keith Richards so knackig war. Rückblickend habe ich erkannt, dass sein ganzes Geheimnis in einem einzigartigen Griffbrett-Ansatz liegt. Synkopierte Riffs, fehlende Saiten, ein Plektrum, das auf das Holz schlägt… Wir werden diesen unverwechselbaren Stil gemeinsam analysieren und versuchen zu verstehen, warum er ganze Generationen von Gitarristen weiterhin inspiriert.
Das Open G mit 5 Saiten: Keiths geheime Signatur
Alles beginnt hier. Ende der 60er Jahre entdeckt Keith Richards das Open G Tuning dank Ry Cooder, der während der Let It Bleed-Sessions einige Tage mit den Stones im Studio verbringt. Der Funke springt sofort über. Das Standard-Tuning (E-A-D-G-B-E) weicht einem offenen G-D-G-B-D, das wie ein kompletter Akkord klingt, sobald man die Saiten leer anschlägt. Doch Keith geht noch weiter: Er entfernt einfach die tiefe E-Saite.
Warum diese radikale Entscheidung? Weil mit fünf Saiten keine harmonische Mehrdeutigkeit mehr besteht. Alles klingt richtig, alles klingt nach den Stones. Die Voicings werden sofort klar, Barré-Griffe reduzieren sich auf einen Finger, der drei Saiten umfasst, und zwei Finger sind frei, um melodische Verzierungen hinzuzufügen. Genau das verleiht den Riffs von Brown Sugar, Start Me Up oder Honky Tonk Women ihre besondere Textur.
Keith Richards hat oft die legendäre Formel wiederholt: „Five strings, three notes, two fingers, one asshole“. Eine rohe und selbstironische Art, seine Philosophie zusammenzufassen: viel mit wenig machen und der Musik Raum zum Atmen geben.
Micawber, die Telecaster, die alles veränderte

Wenn eine Gitarre den Sound von Keith Richards allein zusammenfassen könnte, dann wäre es diese. Micawber, eine blonde Fender Telecaster von 1953, wurde ihm 1971 von Eric Clapton zu seinem 27. Geburtstag geschenkt. Der Name stammt von einer Figur aus Dickens’ David Copperfield. Seit diesem Tag verlässt das Instrument praktisch nie die Bühne.
Doch Keith spielt sie nicht einfach so, wie sie ist. Er modifiziert sie tiefgreifend: Austausch des originalen Steg-Tonabnehmers gegen einen Gibson PAF Humbucker, Hinzufügen eines umgedrehten Telecaster-Tonabnehmers am Hals zur Klangbalance und natürlich die permanente Entfernung der tiefen E-Saite. Das Ergebnis: ein nahezu einzigartiges Instrument, maßgeschneidert für sein Spiel, das sowohl Wärme als auch Biss liefert.
Neben Micawber finden sich weitere legendäre Stücke in seinem Arsenal:
- Malcolm, eine weitere blonde Telecaster von 1954, die als Haupt-Backup dient
- Sonny, eine schwarze Telecaster, die für Stücke im Standard-Tuning verwendet wird
- Mehrere Gibson Les Paul, darunter eine berühmte Standard 1959
- Eine Gibson ES-355, die man im Studio auf Brown Sugar hört
Wenn du den Klang von Keith ohne großes Budget nachahmen möchtest, ziele auf eine Telecaster mit Humbucker am Steg. Die Custom Shop-Modelle sind großartig, aber eine gute Telecaster Player II mit ein paar Modifikationen reicht völlig aus, um loszulegen.
Die Kunst des Riffs: Groove vor Technik
Keith Richards hat nie versucht, mit Geschwindigkeit oder Virtuosität zu beeindrucken. Sein Ding ist der Riff. Diese kurze Phrase, die man in zwei Sekunden erkennt, die sich ins Gehirn einprägt und Jahrzehnte lang haften bleibt. Denk an (I Can’t Get No) Satisfaction, Jumpin‘ Jack Flash oder Gimme Shelter: drei Noten, manchmal vier, und alles ist gesagt.
Sein Geheimnis liegt im rhythmischen Placement. Keith spielt hinter dem Beat, nicht darauf. Dieses leichte Nachhinken, geerbt vom Delta Blues und Chuck Berry, erzeugt diesen charakteristischen Swing, den man manchmal als „lazy groove“ bezeichnet. Die Noten fallen nie genau auf den Klick. Sie kommen eine Nuance später, und genau das macht seine Parts so menschlich, so lebendig.
Ein weiterer Schlüsselpunkt ist sein Verhältnis zur Stille. Wo viele Gitarristen jeden Takt füllen, lässt Keith Luft. Seine Riffs atmen, geben Raum für Charlie Watts’ Schlagzeug und Ronnie Woods Spiel. Diese Idee des „Weaving“, dieses Verflechtens, bei dem sich die beiden Gitarren umschlingen, ohne sich zu überlagern, hat er zusammen mit Mick Taylor und später Ronnie theoretisiert.
Verstärker, Pedale und Bühnensound
Was die Verstärkung angeht, bleibt Keith seinem klassischen und äußerst effektiven Ansatz treu. Auf der Bühne verwendet er hauptsächlich Fender Twin Reverb und Fender Tweed aus den 50ern, manchmal ergänzt durch Mesa Boogie, um den Mix zu verdicken. Keine Marshall-Wände, kein übermäßiger Gain. Einfach ein klarer, leicht crunchiger Sound, wenn man die Lautstärke aufdreht, der das Holz der Gitarre atmen lässt.

Keiths Pedalboard ist ebenso schlicht wie sein Griffbrett-Ansatz. Häufig findet man darauf:
- Ein Tube Screamer oder Äquivalent, um die Soli anzutreiben
- Etwas Delay und leichte Reverb
- Selten mehr als vier oder fünf Pedale insgesamt
Die Idee ist einfach: Die Magie kommt von den Fingern und dem Griffbrett, nicht von der Elektronik. Eine Philosophie, über die viele junge Gitarristen nachdenken sollten, bevor sie ihr Board mit zwölf digitalen Effekten vollpacken.
Um dich mit Open G vertraut zu machen, ohne dein Hauptinstrument zu beschädigen, behalte eine alte Gitarre, die nur für dieses Tuning genutzt wird. So vermeidest du lästige Umstimmungen und kannst ein echtes Vokabular in diesem Tuning entwickeln. Ein Satz Saiten 11-50 funktioniert sehr gut, um die etwas geringere Spannung auszugleichen.
Wie man sich Keiths Stil aneignet
Keith Richards’ Spiel zu reproduzieren erfordert weniger Technik als Haltung. Noch bevor du das Tuning anpasst, musst du eines verstehen: Dieser Typ spielt, als säße er entspannt auf seinem Sofa mit einem Glas Bourbon. Locker, fast lässig. Diese Entspanntheit erzeugt den Groove, nicht umgekehrt.
Zum Einstieg stimme deine Gitarre auf G-D-G-B-D (beginnend mit der 5. Saite, da die 6. Saite entfernt oder ignoriert wird). Spiele zuerst einen einfachen G-Dur-Barré-Akkord im 2. Bund, dann ein C im 5. Bund und ein D im 7. Bund. Du hast gerade 80 % des Stones-Repertoires nachgespielt. Füge dann den berühmten „Hammer-on“ auf der B-Saite mit deinem Mittelfinger hinzu: So entsteht die kleine Verzierung, die man überall hört, von Start Me Up bis Tumbling Dice.
Arbeite auch an deiner rechten Hand. Keith nutzt viel die Technik des Palm Mutings, abwechselnd mit offenen Akkorden, was diese besondere rhythmische Atmung erzeugt. Und vergiss nie: Langsamer spielen. Wenn du zu schnell spielst, verpasst du den Groove. Lieber einen perfekt platzierten Takt als vier hastige.
Wenn du mit diesem Stil beginnst, musst du keine teure Vintage-Gitarre anstreben. Eine gute Mittelklasse-E-Gitarre mit einem Satz Saiten 10-46 und einem kleinen Röhrenverstärker wie dem Fender Blues Junior bringt dich dem Klang von Keith schon sehr nahe. Das Wesentliche liegt im Anschlag.
Ein Erbe, das Jahrzehnte überdauert
Über die Stones hinaus reicht Keith Richards’ Einfluss viel weiter, als man denkt. Gitarristen wie Izzy Stradlin (Guns N‘ Roses), Steven Van Zandt (E Street Band) oder jüngst Joshua Hedley bekennen sich offen zu seinem Erbe. Selbst in unerwarteten Bereichen findet man seine Philosophie von weniger ist mehr, von Groove statt Show.
Was Keith so besonders macht, ist, dass er scheinbare Einschränkungen – ein seltenes Tuning, eine fehlende Saite, ein bewusst einfaches Spiel – in eine echte künstlerische Identität verwandelt hat. In einer Zeit, in der YouTube-Tutorials Soli mit 200 BPM und ultrakomplexe Hybridtechniken preisen, bleibt sein Ansatz eine erfrischende Brise. Ein lebender Beweis, dass Musik manchmal auf drei wohlgesetzten Noten und gutem Timing beruht.
Fazit
Keith Richards ist weder der schnellste noch der virtuoseste Gitarrist. Aber wahrscheinlich einer der weltweit Wiedererkennbarsten. Mit wenigen Noten erkennt man ihn sofort. Sein Geheimnis liegt in wenigen Dingen: ein offenes Tuning, eine modifizierte Telecaster, ein Plektrum, das das Holz anschlägt, und vor allem ein Groove-Gefühl, das man nicht aus Büchern lernt. Wenn du deinen Gitarrenvokabular erweitern willst, ist das Eintauchen in sein Repertoire eine der besten Zeitinvestitionen. Und wer weiß, vielleicht findest auch du deine eigene Signatur, wenn du eine Saite entfernst und deine Gitarre in Open G stimmst.

