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Der Club der 27: der Fluch, der den Rock noch immer verfolgt

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Der Club der 27 bezeichnet eine Gruppe von Rock- und Blueskünstlern, die im Alter von 27 Jahren starben, oft unter tragischen Umständen.
  • Zum harten Kern gehören Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, später Kurt Cobain und Amy Winehouse.
  • Der Mythos entstand durch die gehäuften Todesfälle zwischen 1969 und 1971, wurde aber erst nach Cobains Suizid 1994 zum kollektiven Gedächtnis.
  • Statistische Studien widerlegen jeden „Fluch“: Mit 27 zu sterben ist statistisch gesehen nicht häufiger als in jedem anderen Alter!

Lange Zeit lag eine alte CD mit Live at Woodstock im Player meines ersten Autos, und beim gefühlten hundertsten Mal Hendrix hören traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: All diese Künstler, die ich vergötterte, hatten eines gemeinsam – ein erschreckendes Detail, dasselbe Alter beim Abschied von der Bühne des Lebens. Der Club der 27, das ist genau das: eine Liste von Ikonen, die mit 27 starben, und eine der hartnäckigsten Legenden der Musikgeschichte. Doch hinter dem romantischen Schauer verbirgt sich eine weit nüchternere Realität. Also: bloßer Zufall, Fluch oder mediales Konstrukt? Wir trennen Fakten von Fantasie.

Was ist der Club der 27?

Der Club der 27 – auch 27 Club oder Forever 27 genannt – ist eine informelle Gruppe einflussreicher Künstler, hauptsächlich aus Rock und Blues, die in ihrem siebenundzwanzigsten Lebensjahr starben. Eine offizielle Liste gibt es nicht: Je nach Musikgenre oder Bekanntheitsgrad variieren die Namen. Doch ein harter Kern ist unbestritten.

Was einen so fasziniert, ist weniger das Alter an sich als die Häufung von Talenten, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere hinweggerafft wurden. Musiker, die die Grenzen ihrer Kunst verschoben, und deren plötzliches Verschwinden ihr Bild für immer eingefroren hat. Ewige Jugend, sozusagen – zu einem furchtbaren Preis.

Wie der Mythos entstand

Alles begann zwischen Juli 1969 und Juli 1971. Innerhalb von zwei Jahren starben vier prägende Figuren des Rock im Alter von 27 Jahren. Brian Jones, Gründer und Gitarrist der Rolling Stones, wurde im Juli 1969 ertrunken in seinem Swimming Pool aufgefunden. Es folgten Jimi Hendrix (September 1970), Janis Joplin (Oktober 1970) und schließlich Jim Morrison, der Poet der Doors, im Juli 1971.

Diese schwarze Serie ließ die Idee eines verfluchten Alters aufkommen. Endgültig durchgesetzt hat sich der Begriff jedoch erst 1994 mit dem Suizid von Kurt Cobain. Wie Charles R. Cross, Cobains und Hendrix‘ Biograf, betont, war genau dieser Tod der Auslöser, der den Club der 27 im kollektiven Bewusstsein verankerte. Cobains Mutter soll damals einen vielzitierten Satz fallen gelassen haben, in dem sie bedauerte, dass ihr Sohn „diesem bescheuerten Club beigetreten“ sei.

Warum der Funke 1994 übersprang und nicht früher? Weil die Medien, stets auf der Suche nach wiederkehrenden Narrativen, sofort einen roten Faden zwischen Cobain und seinen Vorgängern aus den Siebzigern spannten. Die Parallele war schlicht unwiderstehlich: dasselbe Alter, dieselbe Strahlkraft, dasselbe abrupte Ende.

Von da an wurde jeder Todesfall im Alter von 27 durch diese Brille betrachtet. 2009 widmeten die Autoren Eric Segalstad und Josh Hunter dem Phänomen sogar ein ganzes Buch, The 27s: The Greatest Myth of Rock & Roll, in dem sie die These vertreten, dass zu früh gefeierte Stars schnell riskante Verhaltensweisen entwickeln. Der Mythos hat nun seine eigene Bibliografie.

Wissenswert

Noch vor dem Quartett von 1969–1971 gilt der Bluesmusiker Robert Johnson (gestorben 1938 mit 27 Jahren) für viele als allererstes Mitglied des Clubs. Sein von Geheimnissen umwobenes Leben nährte die Legende eines Teufelspakts an einer Kreuzung im Mississippi – und lieferte damit reichlich Stoff für die okkulte Faszination, die dem Club der 27 bis heute anhaftet.

Die bekanntesten Mitglieder

Über den Club zu sprechen bedeutet, bei seinen Galionsfiguren innezuhalten. Jede von ihnen hat ein unauslöschliches Erbe hinterlassen – und oft ein Signature-Instrument, das Musikerinnen und Musiker bis heute träumen lässt.

  • Jimi Hendrix – Der Gitarrist, der die Möglichkeiten der Sechssaiter neu definiert hat. Sein Anschlag, seine kontrollierten Feedbacks und sein Einsatz des Vibrato auf seiner Fender Stratocaster sind bis heute ein absoluter Maßstab für jeden E-Gitarristen.
  • Janis Joplin – Eine raue, ungeschliffene, emotionsgeladene Stimme, die den psychedelischen Blues-Rock auf eine Höhe getragen hat, die selten erreicht wurde.
  • Jim Morrison – Der Sänger-Poet der Doors, eine charismatische und selbstzerstörerische Persönlichkeit, dessen Texte zwischen Trance und Provokation changierten.
  • Brian Jones – Multi-Instrumentalist und Gründer der Rolling Stones, der mit verblüffender Leichtigkeit zwischen Slide Guitar und Sitar wechseln konnte.
  • Kurt Cobain – Das Sprachrohr des Grunge mit Nirvana, dessen schroffer Songwriting-Stil den Rock der 90er-Jahre neu formte.
  • Amy Winehouse – Der bislang letzte große Neuzugang, 2011. Ein einzigartiger Soul-Jazz-Timbre, der vollkommen gegen den Strom seiner Zeit schwamm.
Woodbrass-Tipp

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Fluch oder purer Zufall?

Das ist DIE Frage, die bei jedem neuen Todesfall aufs Neue gestellt wird. Dazu kursieren verschiedene Theorien. Manche beschwören übernatürliche Kräfte, andere sehen eine tragische Koinzidenz, die durch die Medien aufgebauscht wurde. Die rationalen Erklärungen zeigen meist auf dieselben Faktoren.

  • Der Druck des Ruhms: kometenhafter Aufstieg, überwältigende Erwartungen, Isolation – ein gefährlicher Cocktail für junge Künstlerinnen und Künstler.
  • Sucht: Die meisten Mitglieder kämpften gegen Drogen- oder Alkoholabhängigkeit, direkte Folge eines Lebens unter dauerhaftem Hochdruck.
  • Der romantische Mythos: Die verführerische Vorstellung, auf dem Höhepunkt zu sterben, noch vor dem Abstieg, nährt die Faszination ebenso wie die Legende.

Doch die Wissenschaft bremst die Fantasie. Eine australische Studie von 2011, die mehr als 1.000 Musikerinnen und Musiker untersuchte, die zwischen 1956 und 2007 ein britisches Nummer-eins-Album platziert hatten, kommt zu dem Schluss, dass das Risiko, mit 27 zu sterben, nicht höher ist als in jedem anderen Alter. Eine zweite britische Studie von 2012 mit knapp 1.500 Künstlerinnen und Künstlern des 20. Jahrhunderts gelangt zur selben Schlussfolgerung. Der Club der 27 wäre demnach vor allem ein statistisches und mediales Konstrukt, verstärkt durch den Bestätigungsfehler: Man erinnert sich an die mit 27 Gestorbenen und vergisst die anderen.

Pro Tips

Der Club der 27 fasziniert so sehr, dass er längst in der Popkultur Ableger hinterlassen hat: Dokumentarfilme, Romane und sogar ein Song von Jok’Air mit dem Titel „Club des 27″ (2019), der mit einem Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm Janis: Little Girl Blue eröffnet wird. Ein Beweis dafür, dass der Mythos weit über den Rock hinaus weiterlebt.

Die Vergessenen des Clubs

Es werden immer die gleichen Aushängeschilder genannt, doch der Club hat noch viele weitere Mitglieder. Der Reggae-Sänger Jacob Miller, der bereits erwähnte Bluesmann Robert Johnson, oder jüngst der US-amerikanische Rapper Fredo Santana und der südkoreanische Sänger Kim Jong-hyun. Der Club war nie das Privileg des anglophonen Rocks allein: Er durchzieht Epochen, Genres und Kontinente.

Genau das macht die Liste so wandelbar. Je nach den angelegten Bekanntheitskriterien wächst sie oder schrumpft. Eines ändert sich jedoch nie: Mit jedem neuen Mitglied erwacht der Mythos wieder zum Leben.

Der Club hat sogar köstliche Unterkategorien für Freunde der Koinzidenzen hervorgebracht. Manchmal spricht man vom „J27″, jener Untergruppe, deren Vor- oder Nachname mit einem J beginnt – Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Brian Jones, Robert Johnson. Stoff genug für weitere numerologische Faszination rund um das Phänomen. Doch hinter dem Rätseljagen sollte man das Wesentliche nicht vergessen: Diese Künstlerinnen und Künstler waren vor allem Menschen – talentiert und verletzlich –, die von einer Maschinerie zerrieben wurden, die ihnen nicht immer Zeit zum Durchatmen ließ.

Ein Mythos, der niemals stirbt

Also: Club der 27 – finstere Legende oder bloßer medialer Vergrößerungseffekt? Die Zahlen sprechen für den Zufall, doch seien wir ehrlich: Vernunft wiegt wenig gegenüber der emotionalen Wucht dieser zerbrochenen Schicksale. Hendrix, Joplin, Morrison, Cobain, Winehouse – das sind keine Statistiken, das sind Stimmen, Riffs, Gänsehautmomente, eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis. Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn des Clubs der 27: kein Fluch, sondern eine Art, diese Künstlerinnen und Künstler für immer jung zu halten, für immer auf dem Höhepunkt. Wenn du das nächste Mal Purple Haze oder Smells Like Teen Spirit hörst, weißt du, dass du etwas berührst, das weit größer ist als eine Playlist.

Quellen

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